An dieser Stelle meinerseits auch noch mal eine Wortmeldung zu diesem Wochenende, das ja von der “Grünen Woche” mitgeprägt war. Nun, ich war nicht da, obwohl sie neben den Wein- und Sonstwas-Proben vielleicht auch Interessantes verspricht. Aber worum es mir eigentlich geht, ist diese Demo, die anlässlich der Messe stattfand: Unter dem Slogan “Wir haben es satt! Bauernhöfe statt Agrarindustrie!” gingen gestern rund 20.000 Leute auf die Straße.

Ich finde diese Veranstaltung – gelinde gesagt – höchst seltsam. Immerhin steckt hinter diesem Motto doch nichts anderes, als das man angesichts einiger mit Sicherheit zu kritisierenden Zustände die romantisierte Vorstellung eines Landlebens aus der Bärenmarke-Werbung zum Erstrebenswerten erhebt. Die Realität ist allerdings, wie so oft, ein wenig komplexer.

Die Wirklichkeit besteht nun einmal – ob es einem passt, oder nicht – darin, dass auf dieser Erde inzwischen über 7 Milliarden Menschen ernährt werden müssen. Bei allem Hin und Her: Das ist kaum mit lauter kleinen Bauernhöfen mit glücklichen Hühnern und wild wachsenden Multikulturen zu reißen. Und schon gar nicht in einer Gesellschaft, in der ein großer Teil der Bevölkerung mit anderen Dingen beschäftigt sein soll, als mit der Versorgung des Rests mit Lebensmitteln.

Selbst wenn wir nur mal dieses Land betrachten, wäre es quasi unmöglich, den aktuellen Standard in Sachen Versorgung mit vielfältigen Lebensmitteln zu gewährleisten, wenn man vom Konzept einer industrialisierten Landwirtschaft abrückt. Das dabei oft vorgebrachte Argument, dass dies schon ginge, wenn nur genügend Leute bereit wären, etwas mehr Geld für entsprechend produzierte Produkte auszugeben, ist anbetrachts der Lage von hunderttausenden, wenn nicht Millionen Menschen, die nur mit den mickrigen staatlichen Leistungen gerade so ein halbwegs menschenwürdiges Dasein finanziert bekommen, geradezu zynisch.

Global gesehen, wird es nur noch schlimmer. Weltweit geht der Trend dahin, dass immer mehr Menschen ihren Lebensmittelpunkt in den pulsierenden Großstädten finden, die solch ungeahnte Möglichkeiten bieten. Gerade wir in Berlin sind doch geradezu im Sog dessen gefangen. Wer von uns wäre denn bereit, seinen Alltag hier aufzugeben für ein Leben auf dem Land – wo das Vieh zu Sonnenaufgang versorgt sein will und der arbeitsreiche Tag nicht beim Latte oder beim Bier um Mitternacht endet, sondern am frühen Abend? Ich kenne das Leben auf einem angeblich so schnuffeligen Bauernhof durchaus.

Es gäbe sicher noch vieles zu sagen. Aber “Bauernhöfe statt Agrarindustrie!” bedeutet letztlich nichts Anderes als “Brief statt E-Mail” oder “Schmiede statt Stahlwerk”. Der Kern ist höchst konservativ. Fortschrittsfeindlich. Meiner Ansicht nach wäre es wichtiger, sich dafür einzusetzen, dass wir die Ernährung der Menschheit auf Basis der besten wissenschaftlichen Erkenntnisse organisieren. Dazu gehört es einerseits, die Umtriebe der Lebensmittelkonzerne in ihrem systembedingten Profitstreben zu bekämpfen, aber eben auch, eine möglichst hohe Effizienz zu erreichen. Und das schließt in einem gewissen Rahmen auch Gentechnik mit ein.

Nebenher erwähnenswert: Die Weltsicht einer satten, romantisierten Klasse wird auch in einem Beitrag von ‘Shining City‘ thematisiert: “Die Teilnehmer der Studie halten Öko-Nahrungsmittel also nicht nur für gesünder, sie gehen sogar davon aus, dass Öko-Nahrungsmittel einen deutlich geringeren Kaloriengehalt als normale Nahrungsmittel haben.” Na gut.

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