Mein Kollege Michael Diestelberg hat sich in seinem Blog ‘Modern Health‘ mit einem Artikel von Jared Diamond beschäftigt. Und ich glaube, ihm ist dabei – aus gutem Willen – ein gewaltiger Fehlschluss unterlaufen. Passend zum Titel “The Worst Mistake in the History of the Human Race” stellt Diamond hier einige recht provokante Thesen auf – die meiner Ansicht nach aber eben genau das sind: Ein bisschen polemische Provokation. Daraus “eine wissenschaftliche Erklärung für die positiven Auswirkungen, die die radikale Ernährungsumstellung mit sich bringt” zu machen, hier für die so genannte Paleo Diet, mit der der Blog-Autor selbst sympathisiert, ist gelinde gesagt deutlich überzogen.

Diamond, der sich der Menschheitsgeschichte aus evolutionsbiologischer und geographischer Richtung näherte, und damit unzweifelhaft zu Erkenntnissen führte, die herkömmliche Historiker so nicht liefern konnten, greift in dem Artikel den großen historischen Schritt von einer Lebensweise als Jäger und Sammler hin zur Sesshaftigkeit auf. Der zentrale Punkt dabei ist die Entwicklung der Landwirtschaft.

Dies bildete den Ausgangspunkt für einen tiefgreifenden revolutionären Sprung in der Entwicklung des Menschen: Das Ende der Urgesellschaft und das Entstehen dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen. Eines ist richtig: Von den Folgen dieser bisher größten Revolution in der Geschichte des Menschen haben wir uns bis heute nicht erholt. Das werden wir erst mit der nächsten großen Umwälzung, die nicht weniger bedeutend sein wird – doch dazu später.

Die kleinere Frage lautet: War das Leben als Jäger und Sammler wirklich besser? Man könnte auf den ersten Blick tatsächlich meinen, dass dem so war. Denn sicher führte die Umstellung der Ernährung von einem breiten Spektrum an gesunden wilden Pflanzen und “glücklichen” Tieren auf eine feste Basis von Kulturpflanzen zu verschiedenen Schwierigkeiten. Angefangen von ernährungsbedingten Krankheiten bis zur Herausbildung der Klassengesellschaft, die ja erst durch Überschüsse möglich wurde, und den ihr innewohnenden Problemen wie sozialer Ungleichheit und Kriegen.

Allerdings bedarf es schon einer gewissen Verklärtheit oder Beschränktheit in der Betrachtung, wenn man das Leben als Jäger und Sammler als besser darstellen will. “Vergleicht man die Buschmänner aus Afrika (das Volk der San) mit ihren Landwirtschaft betreibenden Nachbarn, stellt man fest, dass die Jäger und Sammler mehr Freizeit haben.”, heißt es zum Beispiel in dem Beitrag. Das mag sein, gilt aber wohl nur in genau dieser Konstellation in dieser Region. Allein schon in gemäßigten Bereichen dürfte die Suche nach Essbarem deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Und manchmal – so im Winter – wäre sie so erfolglos, dass Hunger und Tod alltäglich sind. Im Gegenteil dazu ist die Zeit der Nahrungsmittelproduktion in unserer Gesellschaft im Durschnitt über die Gesamtbevölkerung wohl zu vernachlässigen.

Auch der Hinweis auf die Hungersnöte in Irland als Folge einer zu großen Abhängigkeit von einer einzelnen Kulturpflanze, der Kartoffel, ist im Grunde Unsinn. Die Iren waren nicht aus freien Stücken oder aus falscher Ernährungskultur von der Kartoffel abhängig, sondern weil die englischen Kolonial-Besatzer alle anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse – und auch die jagdbaren Tiere – auf ihre eigene Insel schleppten. Wenn man den Buschmännern die Wälder niederbrennt und die Tierherden verscheucht, werden sie ebenso verhungern.

Durchaus richtig ist die Qualifizierung, dass mit der Entstehung der Landwirtschaft ein Umschwung von Qualität zu Quantität erfolgte. Hier handelt es sich aber nicht um eine moralische Qualifizierung, sondern um eine Eigenheit von Entwicklungsprozessen, wie sie die großen Dialektiker herausarbeiteten. Es gibt einen ständigen Umschlag von Qualität in Quantität und andersherum. Nur ihr ständiges Wechselspiel bildet die Grundlage für eine Höherentwicklung. Wer auf einer bestimmten Qualität stehenbleibt, wird letztlich scheitern.

Um nicht zu ausufernd zu werden, will ich es bei einem letzten Beispiel belassen: “Die Landwirtschaft hat dazu beigetragen, dass wir uns in großen Gesellschaften zusammengefunden haben, die mit anderen Gesellschaften Handel betreiben. Dadurch können sich Parasiten und ansteckende Krankheiten deutlich weiter verbreiten”, heißt es weiter. Das ist auch nicht von der Hand zu weisen. Aber dadurch dürfte die Menschheit in der Breite inzwischen deutlich unanfälliger gegen verschiedene Widrigkeiten geworden sein. Nicht auszudenken, was wohl geschehen möge, wenn ein Besucher von außerhalb heute eine Grippe, die hierzulande keine übermäßige Gefahr darstellt, in einen der verbliebenen Amazonas-Stämme einschleppen würde.

Und dieser rege Kontakt zwischen den Völkern führte bei weitem nicht nur zu Kriegen, sondern zu unserer heutigen Moral mit ihren allgemein anerkannten Menschenrechten. Für einen Stamm von Jägern und Sammlern waren Außenstehende hingegen eher Konkurrenz und Bedrohung. In den meisten Fällen dürften diese wohl schlicht erschlagen worden sein. Oder wie es Diamond selbst ausdrückte: “Wenn man in Stammesgesellschaften einen Fremden trifft, tötet man ihn oder man läuft weg oder man beginnt ein langes Gespräch darüber, ob man irgendwelche Verwandten teilt, um einen Grund zu haben, sich nicht zu töten. Erst seit kurzem geht die Entwicklung in Richtung Händeschütteln.”

Abschließend bleibt festzustellen: “Jäger und Sammler haben den erfolgreichsten und längsten Lebensstil in der Geschichte der Menschheit praktiziert” – haben sie vielleicht zu ihrer Zeit, weil es nichts Besseres gab. Letztlich waren sie eben nicht mehr erfolgreich und wurden verdrängt. “Gehen wir davon aus, dass unsere bisherige Geschichte eine Uhr mit 24 Stunden umfasst, wobei jede Stunde etwa 100.000 Jahren entspricht. Als Jäger und Sammler lebten wir fast den kompletten Tag – von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Erst kurz vor dem Ende des ersten Tages, um 23:54 Uhr, nahmen wir uns die Landwirtschaft an” – dann sollten wir uns auf die Schulter klopfen und betrachten, was wir in dieser kurzen Zeit erreicht haben – weit mehr als die Menschen in all den Jahrzehntausenden zuvor. Und bei allen Kinderkrankheiten – anders kann man dies in Anbetracht dieser Dimension wohl nicht bezeichnen – sollten wir zuversichtlich sein. Letztlich, um an den Anfang anzuknüpfen, wäre die Schlussfolgerung aus den Lehren der Urzeit und unserer zivilisatorischen Entwicklung schließlich der nächste große Schritt voran: In eine klassenlose Gesellschaft auf höherem Niveau, in der die Menschheit gelernt hat, mit sich und der Natur im Reinen zu sein – wie immer das letztlich auch aussehen mag. Nicht aber in einer Diät, die eher als Wohlstandsmarotte anzusehen ist.

  One Response to “Der falsch verstandene Fehler”

  1. Sehr schöner Beitrag zu der Debatte. Am Ende sind unsere Ansichten doch gar nicht so unterschiedlich, nur das wir auf unterschiedliche Mittel setzen. Hier meine ausführliche Antwort: Reaktionen auf “Der schlimmste Fehler der Menschheit” bei Modern Health

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