Ich blickte schon vor einiger Zeit skeptisch auf jene Leute, die meinten, auch hierzulande das Konzept der Proteste in Spanien zu übernehmen und den Berliner Alexanderplatz zum Zeltplatz umzufunktionieren. Die Skepsis kam erstmal daher, da es hier ja gerade nicht tausende Leute waren, denen seit Jahren jegliche Perspektive verweigert wird. Im Gegenteil: Es handelte sich gefühlsmäßig eher um Leute, die man ansonsten eher in den gerade in Neukölln reihenweise aufpoppenden “Szene”-Kneipen antrifft. Und deren Schlag man schon länger aus den zwar super lockeren und konsensorientierten, aber doch auch oft recht konzeptlosen Uni-Streiks kennt.

Aber da es ja trotzdem gut ist, wenn sich Leute engagieren, ging es also darum mal etwas tiefer zu bohren und zu schauen, was da so dahintersteckt. Und das ist durchaus spannend. Die diffus fortschrittlich wirkende Bewegung hat nämlich so einige Leichen im Keller, die die kleine Hoffnung, dass da vielleicht doch etwas Großes entstehen könnte, schnell zunichte macht.

Erster Anlaufpunkt: Die Webseite “Echte Demokratie jetzt“. Neben Dokumentationen zu den zahlreichen Aktivitäten rund um die Occupy-Bewegung, wie sie inzwischen genannt wird, findet man auch einiges an Hintergrundmaterial. Das wirkt zuweilen recht seltsam. Gesellschaftlicher Forschritt soll herbeigeführt werden, in dem alle sich ein neues Denken aneignen. Es ist unmenschlich, andere vom eigenen Standpunkt überzeugen zu wollen. Organisiertheit in der klassischen Form ist verpönt. Also im Grunde: Wir sind alle ganz individuell – was dann durch das Bedingungslose Grundeinkommen wohl auch materiell möglich wäre – und dabei aber auch lieb zueinander. Dann wird die Welt besser. Also für mich klingt das etwas nach pubertärer Naivität – aber gut.

Dann aber wird auch noch freudig ein Artikel präsentiert, der netterweise zur Verfügung gestellt wurde. In diesem wird ausgeführt, dass wir hier gerade die eine Revolution erleben, “in ihrer Größe vergleichbar mit der landwirtschaftlichen Revolution der späten Jungsteinzeit und der industriellen Revolution der letzten zwei Jahrhunderte”. Proteste gegen offensichtlich Missstände schön und gut. Aber daraus gleich die dritte große Revolution der Menschheitsgeschichte zu machen – da muss man schon einen ganz besonderen Blick auf die Realität haben. Etwa so, wie handfeste Esoteriker. Und hey, Überraschung: Um genau solche Handelt es sich. Der fragliche Artikel stammt von Sein.de, einer Zeitschrift für “ganzheitliches Leben und spirituelle Weiterentwicklung”.

Entsprechend ist auch das Geschwurbel, was da zusammengeschrieben wird: “Wir müssen zu diesem Schluss kommen – durch spirituelle Erfahrungen, durch Quantenphysik, durch das Studium von Ökosystemen, durch das Scheitern unseres Wirtschaftssystems, durch Erfahrungen in Gruppen und mit kollektiver Intelligenz. Diese Erkenntnis ist so offensichtlich, so klar, so einfach. Wer ist hier, der das noch übersehen könnte?” Unfassbar! Das typische Esoterik-Argument von “Hey, das ist doch total offensichtlich!1!” Und natürlich irgendwo noch die Quantenphysik mit reinpacken. Die darf ja in einer ordentlichen Eso-Schrift heutzutage nicht mehr fehlen.

Hinter den Kulissen der Occupy-Bewegung zieht außerdem das so genannte Zeitgeist-Movement seine Fäden. Dabei handelt es sich um einen inzwischen weltweiten Zusammenschluss von Leuten, der seinen Ursprung in den Zeitgeist-Filmen von Peter Joseph hat. In ihnen finden sich die Verschwörungstheorien zum 11. September ebenso wieder, wie seltsame Zukunftsvisionen aus dem Venus-Projekt von Jacque Fresco. Danach soll die Gesellschaft nicht mehr von Meinungen und Politik gestaltet werden. Statt dessen sollen alle Entscheidungen auf Basis einer wissenschaftlichen Methode getroffen werden – in einer computerisierten Hochtechnologie-Umgebung, in der nur noch fünf Prozent der Menschen überhaupt arbeiten müssen, so ein bisschen die Systeme am laufen halten.

Also, ich weiß ja nicht. Auf Basis von Verschwörungstheoretikern, Esoterikern und kruden Visionären die Gesellschaft zum besseren zu verändern, kann meines Erachtens kein besonders erfolgversprechender Weg sein. Ich bin der Ansicht, dass der Weg der konsequenten Aufklärung eher zum Erfolg führen kann.

  One Response to “Esoterischer Protest und Neues Denken”

  1. Na ja, in einigen Dingen hat dieser Beitrag durch aus recht. Was z.B. die esoterisch pubertäre Naivität betrifft. Jedoch bietet dieser Beitrag außer dem Aufruf zur konsequenten Aufklärung auch nichts gescheites. Über alles wettern kann ich auch und mach das sogar hier und da. Aber es ist immer noch besser etwas naiv im dunkeln zu tappen um nach Lösungen in unserer verfahrenen Gesellschaft zu suchen als einfach zu behaupten, dass das nichts bringt. Ohne dabei selbst etwas konstruktives anzubieten. Es sind nicht nur esoterische Weichbirnen da draußen unterwegs. Ein paar haben durchaus interessante Ideen. Man muss sich nur etwas vorurteilsfreier damit auseinander setzen. Auf jeden Fall sind die alten, zur Zeit noch geltenden Konzepte wie Sand im Getriebe. Wir brauchen definitiv neue Ideen. Ist klar, dass sie am Anfang etwas holprig wirken werden. Diesen Pfad ist bis jetzt ja auch noch niemand gegangen. Pionierarbeit ist verflucht schwer und man gerät ziemlich schnell in das Schussfeld lächerlich machender Kritik. Wir sollten ein wenig offener zuhören oder selber was gescheites sagen bevor wir wieder alles von uns weg kritisieren.

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