Puh. Diese Woche und insbesondere dieser Tag waren echt heftig. Diese Sache mit dem Leistungsschutzrecht und der Bestandsdaten-Auskunft. Nach all der Euphorie mit ACTA und dem Höhenflug der Piraten bin ich als Netzkind von dieser Gesellschaft klassisch geerdet worden – geerdet in dem Sinne: Ein großer Klumpen Dreck direkt in die Fresse.

Ich bin aber weder ein Mimimi-Mensch, der sich resigniert in die Ecke setzen würde, noch jemand, der in einer solchen Situation voller Wut tonnenweise Erbrochenes in irgendwelche Kanäle kippt. Also habe ich mich zum Feierabend erstmal mit anderen Sachen beschäftigt. Umzugsvorbereitungen waren zu beenden und der Welpe zu bespaßen. Die Laune besserte sich aber nichtmal nach dem Essen (ich werde hungrig immer zerknautscht). Aber immerhin half das, um Raum zum Nachdenken zu bekommen.

Denn es war absehbar, was passieren kann. Und es ist passiert. Also habe wohl auch ich irgendwo einen Fehler gemacht, der dazu beigetragen hat. Aufregen und weitermachen wie bisher ist da keine gute Idee. Es müssen also Schlüsse gezogen werden. Einige Ideen hat Sascha Lobo ganz gut auf den Punkt gebracht. Andere berühren in diesem Fall mein berufliches Selbstverständnis. Continue reading »

 

Die dem rechtspopulistischen Spektrum zuzurechnende Band Frei.Wild wurde für den Echo nominiert. Ich hab gerade mal eine Anfrage an die Presse-Abteilung des Bundesverbandes Musikindustrie geschrieben, um zu erfahren, warum das so ist:

Hallo Herr Leisdon,

mit Verwunderung habe ich die Nominierung der Band “Frei.Wild” zum diesjährigen Echo registriert. Diese steht seitens zahlreicher ausgewiesener Experten in der Kritik, mindestens dem rechtspopulistischen Spektrum zugerechnet werden zu müssen. Wegen zahlreicher Proteste von Musik-Fans, Partnern und Sponsoren wurde bereits der Auftritt auf dem Festival “With Full Force” abgesagt. Mit welcher Intention begründet denn nun der Bundesverband Musikindustrie, dieser Band ein so großes Forum bieten zu wollen, wie es mit einer Echo-Nomienierung verbunden ist? Zählen nur Verkaufszahlen und Aspekte wie eine weltoffene kulturelle Verständigung nicht? Und aus welchem Grund erfolgt die Nominierung in der Kategorie “Rock / Alternative National”? Immerhin stammt die Band doch aus Südtirol, was bekanntlich zu Italien gehört…zumindest nach heute anerkanntem Völkerrecht.

Über eine Stellungnahme würde ich mich freuen.

Beste Grüße,
Christian Kahle

Ich halte euch hier über das Weitere auf dem Laufenden.

Update, 6. März – 23.00 Uhr:
Inzwischen kaum Antwort von Andreas Leisdon, dem Sprecher des Bundesverbandes Musikindustrie. Der erste Teil besteht aus einer Stellungnahme des Verbandes an sich zu der Nominierung:

Wir sind uns der aktuellen heftigen Diskussionen und der emotionalen Reaktionen bewusst. Wir haben den Fall lange und intensiv diskutiert, befinden uns aber in einem laufenden Bewertungsprozess, der sich an existierenden Regularien orientieren muss. Bewertungsgrundlage der Nominierungen sind die Platzierungen in den media control Charts. Die aktuellen und seit Jahren praktizierten Regularien des ECHO sehen keinerlei Ausschluss von Bands vor, die sich über Charts-Platzierungen qualifizieren können.

Da im Fall von Frei.Wild keine offensichtlichen Gründe für einen Ausschluss von den Charts vorliegen, zum Beispiel eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, findet auch die Qualifizierung entsprechend den ECHO-Regularien statt. Frei.Wild ist folglich in der Nominiertenliste des ECHO vertreten, weil sie im letzten Jahr eines der verkaufsstärksten Alben in der Kategorie Rock/Alternative National veröffentlicht haben.

Ich bewerte das im Wesentlichen erstmal als Krisen-PR, die Glauben machen soll, dass die Verantwortlichen tagelang mit gerunzelter Stirn in ihren Büros saßen und darüber grübelten und diskutierten, wie sie nun damit umgehen sollen, dass eine solche Band Verkaufserfolge feiert. Ich habe da ja so meine Zweifel.

Man könnte das Ganze auch anders formulieren: “Bei den Nominierungen geht es uns nur darum, wer die meisten Platten verkauft. Wir haben zwar ein bisschen Sorge, dass die öffentliche Debatte unsere tolle Glitzer-Veranstaltung zerkratzen könnte, aber wir können nicht aus unserer Haut, solange uns keine andere Institution Grenzen setzt. Denn Haltung kennen wir nicht, nur Umsatz.”

Herr Leisdon hat außerdem noch eine Erklärung für die Einordnung der Band in die fragliche Kategorie mitgeschickt:

Die Zuordnung in die Kategorie National ergibt sich dadurch, dass die hierfür erforderlichen Kriterien erfüllt sind – es liegen deutsche Pässe von Bandmitgliedern vor, es wird in Deutschland aufgenommen und in diesem Fall auch Deutsch gesungen.

Das ist auf ganz anderen Ebenen interessant, als dass man den Echo-Veranstaltern hier mit Empörung begegnen sollte. Ich wünsche euch viel Spaß bei vielfältigen Interpretationen. :)

Update, 7. März – 20.30 Uhr:
Der Veranstalter hat die Nominierung von Frei.Wild heute zurückgezogen. Außerdem will man auch unter dem Eindruck dieses Vorfalls die Regularien für eine Nominierung überarbeiten.

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