Ich habe soeben einen aktuellen Aufruf des “Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen” mit unterzeichnet. Diese Organisation hat sich gerade erst gegründet, um den Interessen von Sexarbeiter_innen im politischen Lobbygeschehen eine Stimme zu verleihen.

Der Aufruf ist eine Reaktion auf die aktuelle Kampagne “Appell gegen Prostitution“, die von der ‘Emma’ initiiert wurde und von einer ganzen Reihe von Prominenten unterstützt wird. In dieser wird Prostitution mit Sklaverei verglichen und die üblichen Klischees von Menschenhandel und dem Kauf von Personen heraufbeschworen. Und es wird das Verbot der Prostitution gefordert.

Ich halte diesen Ansatz für falsch und schädlich. Nicht etwa, weil mir daraus ein persönlicher Nachteil erwachsen würde. Ich habe entsprechende Dienstleistungen noch nie in Anspruch genommen und habe das aktuell auch nicht vor – und ja, das ist ehrlich, ich hätte kein Problem damit, dazu zu stehen. Gleichwohl kenne ich Menschen, die in dem Bereich arbeiten oder gearbeitet haben. Allesamt freiwillig – soweit Freiwilligkeit in dieser Gesellschaft zu definieren ist.

Immerhin ist hier jeder mehr oder weniger gezwungen, irgendeiner Gewerbsarbeit nachzugehen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wenn man nicht der traditionellen Verklärung anhängt, Sex wäre ein heiliger Akt, der letztlich doch irgendwie in den Hafen der Ehe oder etwas Artverwandtem gehört, ist Sexarbeit dann doch ein Job wie viele andere, in die man seine Persönlichkeit, seine Kreativität und sein Herzblut steckt, um dann im marx’schen Sinne mit einem Krumen des Mehrwertes abgespeist zu werden. Kapitalismus, Dude.

Es sei ja jedem gern freigestellt, gegen Sexarbeit zu sein. Das geht aber nur in der Konsequenz, auch den Kapitalismus an sich abzulehnen und sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Gesellschaft sonst so funktionieren könnte. Das kann eine Kampagne natürlich nicht leisten, die von Inzwischen-BILD-Kolumnistin Alice Schwarzer initiiert und von diversen CDU-Vertreter_innen unterstützt wird. Da ist es mir doch lieber, dafür einzutreten, dass die Beschäftigten in dem Bereich gestärkt werden und deutlich bessere Rechte erhalten.

 

Zu dieser seltsamen Organisation, die sich hochtrabend als “Alternative für Deutschland” (AfD) bezeichnet, wurde ja schon so Einiges gesagt. Aber Vieles leider zu abstrakt oder zu schwammig. Außerdem nerven diese Typen zur Zeit überall im Netz rum, schreiben Müll in Kommentarspalten und versuchen, ihren kruden Krempel irgendwie zu verkaufen. Daher noch ein paar Anmerkungen meinerseits.

Die AfD gehört zum rechten Spektrum
Es ist gar nicht nötig, auf entsprechende Ausfälle einzelner Mitglieder oder Sympathisanten zurückzugreifen. Es reicht schon, das Wahlprogramm aufmerksam zu lesen. Hier geht es vor allem darum, wieder zurück zum starken Nationalstaat zu kommen. An erster Stelle steht ein “Europa souveräner Staaten”, natürlich mit eigenen Währungen. “Gesetzgebungskompetenzen zurück zu den nationalen Parlamenten” wird verlangt, mehr “mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung” zwischen den europäischen Ländern.

Das ist letztlich ein knallharter nationalistischer Kurs, der zwischen einigen beschwichtigenden Formulierungen versteckt wird, um nicht gleich unangenehm aufzufallen. Es kann lediglich ein Lippenbekenntnis sein, wenn man trotzdem von einem europäischen Binnenmarkt spricht. Wie soll das denn funktionieren, wenn jedes Land mit seiner eigenen Währung sein eigenes Süppchen kocht? Das würde im Endeffekt nicht anders aussehen, wie das alte Deutsche Reich, das dem Namen nach zwar irgendwie etwas zusammenhängendes war, zwischen jedem Popelstaat aber Zollschranken standen und alle sich an die Gurgel gingen. Diese halbherzigen Beschönigungen sind typisch für Gruppen der Neuen Rechten, wie wir es schon von den Pro-Gruppen und der “Freiheit” kennen.

Die AfD ist nicht “eurokritisch”
Die Afd ist genau genommen europafeindlich. Es geht um nationalistische Abschottung. Kritik bedeutet aber nicht Ablehnung, sondern Aufzeigen von Missständen, damit es besser wird. Das ist durchaus notwendig, denn die EU ist alles andere als optimal organisiert. Die Lösung für die bestehenden Probleme liegt bei der AfD aber darin, den europäischen Einigungsprozess zu stoppen bzw. umzukehren. Aus einer solchen Haltung heraus erwächst aber keine Kritik, sondern Destruktivität. Das wäre ungefähr so, als würde ich aus meiner Kritik am Sozialsystem folgern, dass das Sozialsystem abgeschafft gehört.

Die AfD ist menschenverachtend
Das zeigt sich natürlich am besten am Kapitel zur Integrationspolitik. “Deutschland braucht qualifizierte und integrationswillige Zuwanderung”, heißt es da. Das Denken hinter einer solchen Formulierung bemisst Menschen schlicht nach ihrem ökonomischen Wert. Das setzt sich dann in dem spärlichen Teil fort, der vielleicht als Sozial-Teil des Programms bezeichnet werden könnte: “Deutschland hat zu wenig Kinder. Renten- und Krankenversicherung stehen deshalb auf tönernen Füßen.” Es sollen also mehr Kinder her, damit diese der Gesellschaft nach Vorstellung der AfD dienlich sind. Eine solche Basis für Familienpolitik hatten wir vor einigen Jahrzehnten schon einmal. Man braucht entsprechend nicht darauf einzugehen, dass Familie für die AfD natürlich heterosexuell und weiß ist, so wird es im Wahlwerbespot ja explizit gezeigt.

Im Wahlprogramm findet sich natürlich auch der fast schon zu erwartende Satz: “Eine ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden.” Das ist beste Stammtisch-Parolenklopperei aus dem rechten Lager. Denn eine solche Zuwanderung wird von Rassisten zwar immer wieder unterstellt, sie findet aber überhaupt nicht statt. Selbst die vielbeschworenen Einwanderer aus Südost-Europa haben im Schnitt einen höheren Bildungsstand als die deutsche Bevölkerung. Hier geht es also um nichts anderes, als rassistische Stimmungsmache.

Die AfD ist nicht besonders demokratisch
Im Programm wird zwar vieles gefordert, aber das hält nichtmal einer einfachen Prüfung in der Praxis stand. Das schlichte Wahlprogramm, das im Grunde nichts außer Parolen enthält, wurde von einigen Parteioberen geschrieben und dann abgesegnet. Da hatten ja selbst die Piraten in ihrer Anfangszeit mehr Mumm, als sie halt mit dem Wenigen auftraten, was bis dahin ordentlich von den Mitgliedern erarbeitet werden konnte. Und Notfalls hieß es dann halt: Dazu haben wir uns noch keine Meinung gebildet (was sich inzwischen ja wesentlich geändert hat). So viel dann übrigens auch zum AfD-Slogan “Mut zur Wahrheit”. Nicht mal hier ist die Truppe mutig genug, dann eben nur mit ihrem einen Kernthema loszulaufen – so blöd dieses auch sein mag. Statt dessen werden total mutig einige Zoten umhergeschriehen, die ohnehin in jeder zweiten Kneipe kurz vor Ausschankschluss zu hören sind.

Fazit: Die AfD ist keine Alternative
Oder zumindest eine denkbar schlechte, selbst wenn, oder gerade wenn, man für dieses Land hier etwas Gutes will. Die Wirtschaft in Deutschland ist seit dem letzten Krieg auf billige Massenproduktion ausgelegt (auch wenn man das nicht gern hört). Das ist die Grundlage für den Titel Exportweltmeister. Man benötigt nun wahrlich kein sonderlich umfassendes Wissen über Ökonomie, um zu erahnen, was eine eigene starke Währung, durch die die Produkte aus Deutschland entsprechend teurer würden, an Folgen nach sich zöge. Ganz davon abgesehen, wenn die zugegeben schwieriger werdenden Absatzmärkte des Euro-Raums plötzlich wegfielen.

Aber das ist für mich nur ein Randaspekt. Ich definiere mich aber auch in erster Linie als Mensch und nicht als Deutscher. Ich finde es wunderbar, wenn Europa weiter zusammenwächst und die Grenzen fallen. Noch wunderbarer fände ich es, wenn das über Europa hinaus geht. Denn diese Welt steht vor Herausforderungen und Fortschritten, die nur von der ganzen Menschheit gemeistert werden können – oder glaubt ernsthaft irgendwer, dass “wir” auch nur ansatzweise in der Lage sein werden, mit unseren Ressourcen und einer D-Mark in der Hand einen Mars-Außenposten zu bauen – oder etwas Vergleichbares zu tun? Na also!

PS:
Die AfD wird ja manchmal als Professoren-Partei bezeichnet. Was für ein Treppenwitz, wenn man sich mal anschaut, wie ihre Anhänger sich so im Netz zu Äußern in der Lage sind. ;)

 

IM Friedrich ist wieder aktiv. Unser Innenminister will mit Videoüberwachung dafür sorgen, dass Selbstmordattentäter nach ihrer Tat geschnappt werden und kein zweites Mal zuschlagen können. Und bekanntermaßen werden Anschläge auch immer im Sichtbereich von Kameras geplant und können daher super erkannt werden. Das erklärt der IM Friedrich zumindest im Interview mit dem ‘Spiegel’:

Friedrich: Einen Selbstmordattentäter, der seinen eigenen Tod bei der Planung der Tat einkalkuliert, werden auch Videokameras nicht abschrecken.

SPIEGEL ONLINE: Also sind die Kameras gegen Terror unwirksam?

Friedrich: Das wäre ein falscher Schluss. Wenn wir zum Beispiel den Täter nach dem ersten Mal verhaften, kann er kein zweites oder drittes Mal zuschlagen. Allein das ist schon ein Erfolg. Zudem können wir Planungen für Anschläge durch Kameras im Vorfeld aufklären. Ich bleibe dabei: Die Videoüberwachung, wohlgemerkt als Teil einer komplexen Sicherheitsstrategie, ist ein wichtiges Mittel für uns.

Also ich finde es ja immer wieder beruhigend, dass wir von solch klar denkenden Leuten regiert werden. Die sind vermutlich dafür verantwortlich, dass hier bisher nichts passiert ist.

 

Die dem rechtspopulistischen Spektrum zuzurechnende Band Frei.Wild wurde für den Echo nominiert. Ich hab gerade mal eine Anfrage an die Presse-Abteilung des Bundesverbandes Musikindustrie geschrieben, um zu erfahren, warum das so ist:

Hallo Herr Leisdon,

mit Verwunderung habe ich die Nominierung der Band “Frei.Wild” zum diesjährigen Echo registriert. Diese steht seitens zahlreicher ausgewiesener Experten in der Kritik, mindestens dem rechtspopulistischen Spektrum zugerechnet werden zu müssen. Wegen zahlreicher Proteste von Musik-Fans, Partnern und Sponsoren wurde bereits der Auftritt auf dem Festival “With Full Force” abgesagt. Mit welcher Intention begründet denn nun der Bundesverband Musikindustrie, dieser Band ein so großes Forum bieten zu wollen, wie es mit einer Echo-Nomienierung verbunden ist? Zählen nur Verkaufszahlen und Aspekte wie eine weltoffene kulturelle Verständigung nicht? Und aus welchem Grund erfolgt die Nominierung in der Kategorie “Rock / Alternative National”? Immerhin stammt die Band doch aus Südtirol, was bekanntlich zu Italien gehört…zumindest nach heute anerkanntem Völkerrecht.

Über eine Stellungnahme würde ich mich freuen.

Beste Grüße,
Christian Kahle

Ich halte euch hier über das Weitere auf dem Laufenden.

Update, 6. März – 23.00 Uhr:
Inzwischen kaum Antwort von Andreas Leisdon, dem Sprecher des Bundesverbandes Musikindustrie. Der erste Teil besteht aus einer Stellungnahme des Verbandes an sich zu der Nominierung:

Wir sind uns der aktuellen heftigen Diskussionen und der emotionalen Reaktionen bewusst. Wir haben den Fall lange und intensiv diskutiert, befinden uns aber in einem laufenden Bewertungsprozess, der sich an existierenden Regularien orientieren muss. Bewertungsgrundlage der Nominierungen sind die Platzierungen in den media control Charts. Die aktuellen und seit Jahren praktizierten Regularien des ECHO sehen keinerlei Ausschluss von Bands vor, die sich über Charts-Platzierungen qualifizieren können.

Da im Fall von Frei.Wild keine offensichtlichen Gründe für einen Ausschluss von den Charts vorliegen, zum Beispiel eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, findet auch die Qualifizierung entsprechend den ECHO-Regularien statt. Frei.Wild ist folglich in der Nominiertenliste des ECHO vertreten, weil sie im letzten Jahr eines der verkaufsstärksten Alben in der Kategorie Rock/Alternative National veröffentlicht haben.

Ich bewerte das im Wesentlichen erstmal als Krisen-PR, die Glauben machen soll, dass die Verantwortlichen tagelang mit gerunzelter Stirn in ihren Büros saßen und darüber grübelten und diskutierten, wie sie nun damit umgehen sollen, dass eine solche Band Verkaufserfolge feiert. Ich habe da ja so meine Zweifel.

Man könnte das Ganze auch anders formulieren: “Bei den Nominierungen geht es uns nur darum, wer die meisten Platten verkauft. Wir haben zwar ein bisschen Sorge, dass die öffentliche Debatte unsere tolle Glitzer-Veranstaltung zerkratzen könnte, aber wir können nicht aus unserer Haut, solange uns keine andere Institution Grenzen setzt. Denn Haltung kennen wir nicht, nur Umsatz.”

Herr Leisdon hat außerdem noch eine Erklärung für die Einordnung der Band in die fragliche Kategorie mitgeschickt:

Die Zuordnung in die Kategorie National ergibt sich dadurch, dass die hierfür erforderlichen Kriterien erfüllt sind – es liegen deutsche Pässe von Bandmitgliedern vor, es wird in Deutschland aufgenommen und in diesem Fall auch Deutsch gesungen.

Das ist auf ganz anderen Ebenen interessant, als dass man den Echo-Veranstaltern hier mit Empörung begegnen sollte. Ich wünsche euch viel Spaß bei vielfältigen Interpretationen. :)

Update, 7. März – 20.30 Uhr:
Der Veranstalter hat die Nominierung von Frei.Wild heute zurückgezogen. Außerdem will man auch unter dem Eindruck dieses Vorfalls die Regularien für eine Nominierung überarbeiten.

 

An dieser Stelle noch ein Nachschlag zu den Wahlen in Niedersachsen, den ich schon einige Zeit vor mir her schiebe: Die Beteiligung der Grünen an der neunen Landesregierung hat gleich mal dafür gesorgt, dass ein Stück früher wissenschaftlicher Ausbildung in die Tonne getreten wird. Mal wieder setzen sich jene durch, die ihre Ansichten zu Ökologie und Umweltschutz aus einer wertkonservativen, fortschrittsfeindlichen Ideologie beziehen.

Konkret geht es darum, dass das Projekt HannoverGEN eingestellt wird. Dabei handelte es sich um ein Modellprojekt, dass moderne Laborausrüstung für Schüler zugänglich machte und ihnen die Möglichkeit gab, biotechnische Experimente selbst in der Praxis durchzuführen. Es war hoch angesehen und erhielt auch eine Auszeichnung im Bundeswettbewerb “Land der Ideen”.

In Niedersachsen herrscht jetzt aber “Nulltoleranz für Gentechnik”. Im konkreten Fall wurde unter anderem von Greenpeace und anderen Stimmgsmache betrieben, wonach hier skrupellose Wissenschaftler Kinder durch Indoktrination zu Gentechnik-Fans machen. Von differenzierter Betrachtung keine Spur.

Damit setzt sich einmal mehr ein Trend fort, Wissenschaftfeindlichkeit tiefer in der Bevölkerung zu verankern. Statt Aufklärung erfolgt Panikmache. Erneut wird ausgenutzt, dass Forschung in Bereichen, sie sich nicht auf den ersten Blick erschließen, durchaus leicht geeignet ist, um Ängste zu schüren. So etwas führt im harmloseren Fall dazu, dass Menschen vor Gericht versuchen, Experimente am Teilchenbeschleuniger LHC zu unterbinden (es könnte ja ein erdverschlingendes schwarzes Loch entstehen), oder Honig, in dem Pollen von Gentech-Versuchsfeldern landet, für hochgiftig halten.

Ernst wird es, wenn entsprechende Forschungsrichtungen das Land verlassen und Know-How damit verlorengeht. Das ist bereits mehrfach geschehen. Nicht weniger problematisch ist es, dass Forschung im Bereich der Biotechnologie aus der öffentlichen Forschung, die sehr transparent und verantwortungsvoll ist, verschwindet und dann nur noch hinter den Werkstoren multinationaler Konzerne stattfindet, wo es nicht mehr um die Interessen der Allgemeinheit, sondern um Profite geht. Aber dort wird die ganze Wissenschaft zu diesem Thema von den entsprechenden Kreisen ja ohnehin vermutet – also warum nicht Fakten schaffen?

Hier werden schlicht wichtige Chancen für die Zukunft verbaut. Denn Gentechnik sind nicht nur Mäuse mit Menschen-Ohren auf dem Rücken. Viele Produkte in Bio-Läden sind bereits das Produkt biotechnischer Entwicklungen aus der Frühzeit, als wirklich noch unkontrollierbar mit Holzhammer-Methoden gearbeitet wurde. Und ohne Gentechnologie gäbe es keine DNA-Tests bei der Aufklärung von Verbrechen, keine Vaterschaftstest und auch viele wichtige Medikamente nicht. Ach und für die Lebensmittel-Puristen: Ohne Gentech hätte auch nie jemand rausgefunden, dass Pferdefleisch in der Lasagne ist.

Mehr auch bei: Gute Gene, schlechte Gene

 

An dieser Stelle sei noch auf einen besonderen Geburtstag hingewiesen und ganz herzlich gratuliert: Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) wurde heute auf den Tag genau vor 25 Jahren gegründet.

Die GWUP verkörpert für mich eine recht ideale Verbindung zwischen Wissenschaft und Humanismus. Der Verein hat sich einerseits der wissenschaftlichen Aufklärung verschrieben. Gegenüber Anhängern verschiedener Glaubens- und Aberglaubens-Konstrukte werden von ihr aber keine ideologischen Mauern aufgebaut. Diese werden erst einmal ernst genommen – auch wenn sie mit recht seltsam anmutenden Thesen daher kommen.

Im Gegenzug wird aber eine ebensolche Offenheit erwartet. Wer behauptet, gesünderes Leitungswasser zu erschaffen, indem er dreimal am Tag gegen die Leitung tritt, oder Krebs durch Klanghölzer schnitzen heilen zu können, soll seine Gabe dann doch auch bitteschön mit erprobten Testverfahren überprüfen lassen.

So führt die GWUP immer wieder Doppelblind-Versuche mit Wünschelrutengängern durch oder arbeitet sich durch stapelweise medizinischer Studien, in denen die Wirksamkeit homöopathischer Mittel getestet wurde. Bis heute gelang es allerdings noch keinem Vertreter einer dieser Zünfte, nachzuweisen, dass seine Methoden tatsächlich funktionieren. Aber einen Versuch ist es durchaus Wert: Immerhin hat die GWUP hierfür recht stattliche Summen ausgelobt.

Wer mehr über das Wirken der GWUP wissen möchte, ist auf der Webseite der Organisation oder bei der Lektüre der Vereins-Zeitschrift ‘Skeptiker‘ erst einmal gut aufgehoben. Viel tiefer geht es allerdings mit der Podcast-Reihe Skeptoskop hinein, in der schon eine ganze Reihe von mehr oder weniger bekannten Vereinsmitgliedern interviewt wurden. Und ich denke, dass dieser Tag auch durchaus angemessen ist, meinerseits zu versprechen, den Mitgliedsantrag endlich auch wirklich abzuschicken und in den kommenden 25 Jahren näher dran zu sein.

 

Mit ziemlicher Sicherheit kommt bei jedem großen Projekt in der Grundlagenforschung und in der Raumfahrt irgendjemand um die Ecke und schimpft, dass das alles so teuer ist. In letzter Zeit auch wieder: 2,4 Milliarden Dollar um ein Fahrzeug auf den Mond zu schießen, dass da nach Sachen guckt, die uns nicht unmittelbar betreffen? Noch viel mehr Geld ausgegeben, um unter der Schweiz zu gucken, ob es ein Teilchen gibt, das man ohnehin nicht sehen kann? Und das während noch immer Leute in Armut leben!

Für gewöhnlich fängt dann auf unserer Seite immer die Suche nach Argumenten an, was uns die ganze Forschung dann doch immer für Vorteile bringt. Ok, die Teflon-Pfanne kommt nicht aus der Raumfahrt, aber immerhin der Klettverschluss. Und dann wird es schon schwierig, wenn man nicht auf eine abstrakte Meta-Ebene gehen will, zu der das Gegenüber dann zu folgen ohnehin meist nicht bereit ist.

Schön daher, dass sich Jerome Schnee von der Rutgers University mal hingesetzt hat, und die ganze Frage mal anhand des Apollo-Programms analysierte. Das stand seinerzeit auch massiv in der Kritik: Denn welch Hybris, den Wettbewerb mit den Russen unbedingt gewinnen zu wollen und Menschen auf den Mond zu bringen, während in den USA damals wirklich viele Menschen in sehr prekären Verhältnissen lebten.

Das ganze lohnt sich vor allem deshalb anzuschauen, weil ungefähr zeitgleich der Kennedy-Nachfolger Lyndon B. Johnson als US-Präsident mit “Great Society” ein riesiges Programm unter anderem zum Kampf gegen Armut und soziale Problem startete. In dieses flossen viel, sehr viel größere Beträge als in das Apollo-Programm. Kurzfristig hat das auch durchaus etwas gebracht, aber schon mittelfristig wurde es dann eher durchwachsen. Denn es wurden zwar durchaus Lebensverhältnisse verbessert, ohne aber nachhaltig auch eine Basis dafür zu errichten.

Das Apollo-Programm hatte hingegen längerfristig wohl sogar einen stärkeren Einfluss auf die Sozialstruktur. Denn das ganze Geld wurde ja nicht in eine Rakete gesteckt und mit den Astronauten zum Mond geschossen, sondern es wurde in die ganz erdgebundene Wirtschaft und Wissenschaft investiert. Dadurch gab es einerseits eine kurzfristige Schaffung von Arbeitsplätzen. Längerfristig hoben die notwendigen Entwicklungsarbeiten den technologischen Stand der US-Ökonomie außerdem auf ein ganz neues Level und das Streben nach Bildung und Erkenntnissen wurde über lange Zeit befeuert. Letztlich trug die Mondlandung so vermutlich mehr zur langfristigen Verbesserung der Lebensverhältnisse in den USA bei, als ein massiver, aber kurzfristiger Geldregen im Rahmen der Great Society.

 

In Wien gibt man über 500 Schülern schulfrei, damit sie organisiert eine Esoterik-Messe besuchen können. Vor Ort können sie an verschiedenen Workshops teilnehmen, in denen ihnen allerlei Unsinn beigebracht wird. Die “Gesellschaft für kritisches Denken”, der österreichische Zweig der GWUP, nimmt das nicht einfach so hin und hat den Wiener Stadtschulrat mal in einem offenen Brief gefragt, was das soll. Eine Antwort ist angekündigt und wird wohl dann auch bei Ulrich Berger veröffentlicht. Hier erstmal der Brief:

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Wenn eine Person das Recht hat seine Religion zu propagieren, warum sollten wir nicht das Recht haben deren Religion offen in Frage zu stellen, fragt Kanishka. Das ist unser konstitutionelles Recht und das kann uns niemand nehmen.

Ein durchaus interessanter Bericht aus Indien, wo Atheisten wegen alter Gesetze aus der Kolonialzeit besser die Klappe halten.

 

Vom Glauben ist allerdings nichts mehr übrig geblieben. Ich glaube gar nichts mehr. Kein Esoterik-Kack, nichts. Mit 22 hatte ich noch mal die Angst „Was, wenn das doch alles wahr war? Wenn ich nun wirklich bald beim Weltuntergang grausam sterbe?“ Dank eines auf Sekten spezialisierten Psychologen konnte ich das allerdings überwinden. Nun tun mir meine ehemaligen Glaubensbrüder manchmal fast Leid. Meine Eltern beispielsweise denken ja immer noch, dass ich des Teufels bin und im Harmagedon umkomme, während sie ins Paradies gelangen. Das ist für die schon schlimm.

In der ‘Süddeutschen Zeitung‘ berichten drei Frauen über ihr Leben, die es geschafft haben, sich aus den Fesseln der Zeugen Jehovas zu befreien. Eindrucksvoll kommt herüber, wie sie letztlich nicht mit einem sicher auch berechtigten Hass, sondern auch mit Mitleid über jene sprechen, die noch in der Sekte festhängen und wie das andersrum nicht der Fall ist. Das ist laut einer kürzlich veröffentlichten Studie auch nicht verwunderlich. Denn diese kam zu dem Ergebnis, dass Atheisten und wenig religiöse Menschen eher mit Mitleid auf andere reagieren, als stark Gläubige.

Insgesamt ein sehr lesenswerter Beitrag, aus dem man einiges mitnehmen kann. Einen Kritikpunkt hab ich allerdings gegenüber der Redaktion: Warum werden als Ausstiegshilfen lediglich Ansprechpartner der Kirchen genannt? Gibt es da niemand anderen, beispielsweise bei der Humanistischen Union oder so?

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