Die UNESCO will die deutschen Schützenvereine nicht als Kulturerbe anerkennen.

In dem Schreiben der Kommission heißt es, dass “wegen der schroffen und ausgrenzenden Reaktionen” auf Schützenkönige, die nicht “biodeutschen Maßstäben” entsprechen würden, eine “zivilgesellschaftlich zugängliche und offene Traditionspflege zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigt werden kann”.

Hintergrund ist, dass vor einiger Zeit ein muslimischer Schießsportler die Krone erkämpft hatte. Das wurde vom Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) erst nicht anerkannt, dann murrend doch – allerdings mit der Auflage, dass er sein Amt nicht ausübt. Der BHDS-Chef ist nun der Ansicht, dass die Absage der UNESCO einen “fast schon rassistischen Stil” hat.

Irre.

 

Am Wochenende waren also mal wieder diese Wahlen. Der Blick lag im allgemeinen auf der Abstimmung zum europäischen Parlament und insbesondere bei den Piraten gibt es angesichts des Ergebnisses mal wieder Schuldzuweisungen und Wehklagen. Immerhin reichte es mit Schützenhilfe des Bundesverfassungsgerichtes, das jegliche Prozenthürde für nichtig erklärte, gerade einmal für einen Sitz.

Natürlich muss analysiert werden, warum das so ist. Und Erklärungsansätze gibt es viele. Streitereien, Richtungskämpfe, der Umgang miteinander, die Themen und dergleichen mehr. Als Schlussfolgerungen kommen im besten Fall gut gemeinte Appelle, im Schlechtesten wüste Beschimpfungen gegen irgendjemanden, der oder die angeblich schuld ist oder sind. Allerdings selten einmal nüchterne Analysen, die das ganz große Bild erfassen. Dazu wollte ich an dieser Stelle allerdings mal einen kleinen Beitrag leisten. Denn vieler Unmut kommt dann doch daher, dass eine gewisse Hybris verbreitet ist, die von der Realität schlecht nicht bedient wird.

Die ganzen Ergebnisse der letzten Wahlen sind im Grunde gar nicht das Resultat von irgendwelchem innerparteilichen Kram, der angeblich “Den Wähler” ™ verschreckt. Hier zeigt sich lediglich, wo diese Partei in der Lebensrealität vieler Menschen steht. Denn Erfolg in der Politik ist letztlich weder die Sache eines besonders tollen Programms noch herausragender Persönlichkeiten. Diese sind zwar eine wichtige Richtschnur und verhelfen mal zu einem Hype, aber langfristig tragfähig ist das nicht.

Der Schlüssel ist: Vertrauen. Und dieses muss man sich dort erarbeiten, wo der direkte Kontakt zur Lebensrealität der Menschen besteht: In der Kommunalpolitik. Nicht umsonst wurden gerade dort überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, wo gute Leute auf kommunaler Ebene eine gute Arbeit machen. Ein Beispiel dafür ist sicherlich Berlin mit seinen ganz eigenen Besonderheiten. Hier arbeitet nicht nur eine ganze Reihe von Leuten solide und erfolgreich in den Bezirksverordnetenversammlungen, sondern auch die Fraktion auf Landesebene hat viel mehr kommunalen Charakter, als es in einem Flächenland der Fall ist. Eine anderes Beispiel kann auch Dresden sein, wo die Leute vor Ort auch ohne Vertretung auf kommunaler Ebene eine Arbeit vor Ort machen, die sichtbar ist.

Daher ist es besonders wichtig für die Piraten, dass am Wochenende eben auch viele kommunale Mandate neu errungen werden. Diese können die Grundlage dafür sein, irgendwann wirklich einmal aus eigener Kraft auch auf höherer Ebene bessere Ergebnisse zu erringen. An dieser Stelle wäre es durchaus hilfreich, einmal nüchtern anzusehen, warum denn die so genannten Etablierten immer ihre Kernwählerschaft haben. Die Geschehnisse auf höherer Ebene sorgen hier nämlich nur für die Schwankungen von Wahl zu Wahl. Ein beträchtlicher Teil der Stimmen kommt hier schlicht daher, dass Herr oder Frau Meier von der XYZ-Fraktion in der Gemeindevertretung sich zuverlässig darum kümmert, wenn schon wieder jemand seinen Müllbeutel auf dem Marktplatz entsorgt hat.

Das bedeutet keinesfalls, dass ich vorschlagen will, einfach das Gleiche zu machen. Es ist vielmehr entscheidend, das zu beherzigen und dann mit den doch recht guten Ansätzen der Piraten zu verbinden. Denn mit der vielleicht ja wirklich großartigen Idee, mit einem Liquid Democracy-System die Bürgerbeteiligung in der Bundespolitik umzusetzen, holt man nur einen kleinen Spezialistenkreis hinter dem Ofen hervor. Eine konsequente und transparente Arbeit mit Open Antrag auf kommunaler Ebene hingegen, macht begreiflich, was denn der Unterschied ist, von dem immer so viel gesprochen wird.

Die Kommunalpolitik hat aber noch einen anderen wichtigen Effekt: Hier erlebt man direktes Feedback. Es wird nicht passieren, dass man erst bei der nächsten Wahl anhand des Einbruchs von Stimmenzahlen erfährt, dass etwas sehr falsch gelaufen ist, sondern schon am kommenden Morgen beim Bäcker. Auch hier geht es keineswegs darum, sich opportunistisch am vermeintlichen Wählerwillen zu orientieren und das Fähnchen im gesellschaftlichen Wind zu sein. Es ist schlicht notwendig, um zu lernen, die eigenen politischen Visionen auch so zu gestalten, dass sie nicht abstrakte Gebilde sondern in der Realität verankert sind.

Sicherlich ist es ein hartes Brot, sich mit den tausenden Trivialitäten der Kommunalpolitik herumzuschlagen. Aber langfristig führt daran nicht nur kein Weg vorbei, sondern hier hat man es mit der praktischen Bewährungsprobe zu tun, ob die eigenen Ideen überhaupt etwas taugen.

tl;dr: Die Zukunft der Piraten entscheidet sich nicht im richtigen Label, sondern in der Kommunalpolitik.

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