Am Wochenende waren also mal wieder diese Wahlen. Der Blick lag im allgemeinen auf der Abstimmung zum europäischen Parlament und insbesondere bei den Piraten gibt es angesichts des Ergebnisses mal wieder Schuldzuweisungen und Wehklagen. Immerhin reichte es mit Schützenhilfe des Bundesverfassungsgerichtes, das jegliche Prozenthürde für nichtig erklärte, gerade einmal für einen Sitz.

Natürlich muss analysiert werden, warum das so ist. Und Erklärungsansätze gibt es viele. Streitereien, Richtungskämpfe, der Umgang miteinander, die Themen und dergleichen mehr. Als Schlussfolgerungen kommen im besten Fall gut gemeinte Appelle, im Schlechtesten wüste Beschimpfungen gegen irgendjemanden, der oder die angeblich schuld ist oder sind. Allerdings selten einmal nüchterne Analysen, die das ganz große Bild erfassen. Dazu wollte ich an dieser Stelle allerdings mal einen kleinen Beitrag leisten. Denn vieler Unmut kommt dann doch daher, dass eine gewisse Hybris verbreitet ist, die von der Realität schlecht nicht bedient wird.

Die ganzen Ergebnisse der letzten Wahlen sind im Grunde gar nicht das Resultat von irgendwelchem innerparteilichen Kram, der angeblich “Den Wähler” ™ verschreckt. Hier zeigt sich lediglich, wo diese Partei in der Lebensrealität vieler Menschen steht. Denn Erfolg in der Politik ist letztlich weder die Sache eines besonders tollen Programms noch herausragender Persönlichkeiten. Diese sind zwar eine wichtige Richtschnur und verhelfen mal zu einem Hype, aber langfristig tragfähig ist das nicht.

Der Schlüssel ist: Vertrauen. Und dieses muss man sich dort erarbeiten, wo der direkte Kontakt zur Lebensrealität der Menschen besteht: In der Kommunalpolitik. Nicht umsonst wurden gerade dort überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, wo gute Leute auf kommunaler Ebene eine gute Arbeit machen. Ein Beispiel dafür ist sicherlich Berlin mit seinen ganz eigenen Besonderheiten. Hier arbeitet nicht nur eine ganze Reihe von Leuten solide und erfolgreich in den Bezirksverordnetenversammlungen, sondern auch die Fraktion auf Landesebene hat viel mehr kommunalen Charakter, als es in einem Flächenland der Fall ist. Eine anderes Beispiel kann auch Dresden sein, wo die Leute vor Ort auch ohne Vertretung auf kommunaler Ebene eine Arbeit vor Ort machen, die sichtbar ist.

Daher ist es besonders wichtig für die Piraten, dass am Wochenende eben auch viele kommunale Mandate neu errungen werden. Diese können die Grundlage dafür sein, irgendwann wirklich einmal aus eigener Kraft auch auf höherer Ebene bessere Ergebnisse zu erringen. An dieser Stelle wäre es durchaus hilfreich, einmal nüchtern anzusehen, warum denn die so genannten Etablierten immer ihre Kernwählerschaft haben. Die Geschehnisse auf höherer Ebene sorgen hier nämlich nur für die Schwankungen von Wahl zu Wahl. Ein beträchtlicher Teil der Stimmen kommt hier schlicht daher, dass Herr oder Frau Meier von der XYZ-Fraktion in der Gemeindevertretung sich zuverlässig darum kümmert, wenn schon wieder jemand seinen Müllbeutel auf dem Marktplatz entsorgt hat.

Das bedeutet keinesfalls, dass ich vorschlagen will, einfach das Gleiche zu machen. Es ist vielmehr entscheidend, das zu beherzigen und dann mit den doch recht guten Ansätzen der Piraten zu verbinden. Denn mit der vielleicht ja wirklich großartigen Idee, mit einem Liquid Democracy-System die Bürgerbeteiligung in der Bundespolitik umzusetzen, holt man nur einen kleinen Spezialistenkreis hinter dem Ofen hervor. Eine konsequente und transparente Arbeit mit Open Antrag auf kommunaler Ebene hingegen, macht begreiflich, was denn der Unterschied ist, von dem immer so viel gesprochen wird.

Die Kommunalpolitik hat aber noch einen anderen wichtigen Effekt: Hier erlebt man direktes Feedback. Es wird nicht passieren, dass man erst bei der nächsten Wahl anhand des Einbruchs von Stimmenzahlen erfährt, dass etwas sehr falsch gelaufen ist, sondern schon am kommenden Morgen beim Bäcker. Auch hier geht es keineswegs darum, sich opportunistisch am vermeintlichen Wählerwillen zu orientieren und das Fähnchen im gesellschaftlichen Wind zu sein. Es ist schlicht notwendig, um zu lernen, die eigenen politischen Visionen auch so zu gestalten, dass sie nicht abstrakte Gebilde sondern in der Realität verankert sind.

Sicherlich ist es ein hartes Brot, sich mit den tausenden Trivialitäten der Kommunalpolitik herumzuschlagen. Aber langfristig führt daran nicht nur kein Weg vorbei, sondern hier hat man es mit der praktischen Bewährungsprobe zu tun, ob die eigenen Ideen überhaupt etwas taugen.

tl;dr: Die Zukunft der Piraten entscheidet sich nicht im richtigen Label, sondern in der Kommunalpolitik.

 

Ihr wisst ja, dass es keine Freude ist, aufzuwachen, wenn es um einen herum kalt und dunkel ist – und das dann noch an einem Montag. Wie muss es dann erst sein, wenn man 2,5 Jahre Tiefschlaf so beendet. Rosetta soll das am Montag hinbekommen.

Rosetta ist eine Raumsonden-Mission der ESA – und nicht irgendeine. Sie ist so etwas wie meine Referenz für den Wahnsinn, den die Wissenschaft so hinbekommt. Vieles klingt ja im ersten Moment entweder halbwegs trivial (“Ok, da fliegen die nächsten Leute zur Raumstation.”) oder abstrakt-trivial (“Aha, die haben ein Teleskop in den Weltraum geschossen.”). Das ändert sich jedes mal, wenn es um Rosetta geht: Hey, da wurde das Ding gestartet, es fliegt zehn Jahre und mehrere Milliarden Kilometer im Wesentlichen ohne Antrieb oder Lenkung durch die Gegend und holt einige Male bei verschiedenen Planeten Schwung. Und wenn dann im nächsten Herbst dieser eine Komet in die Gegend kommt, soll es dann knapp daneben und genauso schnell die gleiche Bahn haben, um einen Landeapparat abzusetzen.

Das hat bisher noch bei jedem Staunen ausgelöst. Zu Recht. Das folgende Video gibt euch vielleicht noch einen etwas näheren Eindruck, warum es sich lohnt, am Montag die Daumen zu drücken und aufzupassen.

 

Es gibt ja immer wieder Fürsprecher der Idee, dass die Stadtkinder aufs Land sollten, um mal etwas anderes kennenzulernen. Nämlich, dass das Essen nicht aus der Kühltheke kommt, sondern vom Feld und von Tieren, die im Stall stehen und süß gucken. Das finde ich super.

Es wäre aber in dieser Zeit auch angebracht, das nicht als Einbahnstraße aufzubauen. Denn in der Sache geht es ja darum, Lebenserfahrung zu sammeln. Und die ist andersrum offenbar ebenso notwendig, wenn nicht vielleicht sogar noch wichtiger. Es sollte also auch Austauschprogramme geben, in deren Rahmen Menschen aus weniger dicht besiedelten, recht homogenen Regionen zu uns kommen – mitten rein in das bunte Leben der Großstadt.

Hier lassen sich immerhin nicht weniger wichtige Erfahrungen sammeln. So zum Beispiel jene, dass Fremdes keine Gefahr ist, sondern spannend und interessant. Und das Leute, die irgendwie nicht aus dem gleichen Kulturkreis kommen, oft nicht nur sehr liebenswert sind, sondern auch ihre ganz eigenen Probleme haben, die den eigenen in vielen Fällen gar nicht so unähnlich sind.

Ich habe keine empirischen Belege, dass dies wirklich helfen könnte, den gerade immer weiter grassierenden Rassismus einzudämmen. Aber ich habe den Eindruck, dass dies ein wenig helfen könnte. Ich wäre daher gern bereit, eine Art “Stadtverschickung” zu betreuen.

 

Ich habe soeben einen aktuellen Aufruf des “Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen” mit unterzeichnet. Diese Organisation hat sich gerade erst gegründet, um den Interessen von Sexarbeiter_innen im politischen Lobbygeschehen eine Stimme zu verleihen.

Der Aufruf ist eine Reaktion auf die aktuelle Kampagne “Appell gegen Prostitution“, die von der ‘Emma’ initiiert wurde und von einer ganzen Reihe von Prominenten unterstützt wird. In dieser wird Prostitution mit Sklaverei verglichen und die üblichen Klischees von Menschenhandel und dem Kauf von Personen heraufbeschworen. Und es wird das Verbot der Prostitution gefordert.

Ich halte diesen Ansatz für falsch und schädlich. Nicht etwa, weil mir daraus ein persönlicher Nachteil erwachsen würde. Ich habe entsprechende Dienstleistungen noch nie in Anspruch genommen und habe das aktuell auch nicht vor – und ja, das ist ehrlich, ich hätte kein Problem damit, dazu zu stehen. Gleichwohl kenne ich Menschen, die in dem Bereich arbeiten oder gearbeitet haben. Allesamt freiwillig – soweit Freiwilligkeit in dieser Gesellschaft zu definieren ist.

Immerhin ist hier jeder mehr oder weniger gezwungen, irgendeiner Gewerbsarbeit nachzugehen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wenn man nicht der traditionellen Verklärung anhängt, Sex wäre ein heiliger Akt, der letztlich doch irgendwie in den Hafen der Ehe oder etwas Artverwandtem gehört, ist Sexarbeit dann doch ein Job wie viele andere, in die man seine Persönlichkeit, seine Kreativität und sein Herzblut steckt, um dann im marx’schen Sinne mit einem Krumen des Mehrwertes abgespeist zu werden. Kapitalismus, Dude.

Es sei ja jedem gern freigestellt, gegen Sexarbeit zu sein. Das geht aber nur in der Konsequenz, auch den Kapitalismus an sich abzulehnen und sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Gesellschaft sonst so funktionieren könnte. Das kann eine Kampagne natürlich nicht leisten, die von Inzwischen-BILD-Kolumnistin Alice Schwarzer initiiert und von diversen CDU-Vertreter_innen unterstützt wird. Da ist es mir doch lieber, dafür einzutreten, dass die Beschäftigten in dem Bereich gestärkt werden und deutlich bessere Rechte erhalten.

 

Zu dieser seltsamen Organisation, die sich hochtrabend als “Alternative für Deutschland” (AfD) bezeichnet, wurde ja schon so Einiges gesagt. Aber Vieles leider zu abstrakt oder zu schwammig. Außerdem nerven diese Typen zur Zeit überall im Netz rum, schreiben Müll in Kommentarspalten und versuchen, ihren kruden Krempel irgendwie zu verkaufen. Daher noch ein paar Anmerkungen meinerseits.

Die AfD gehört zum rechten Spektrum
Es ist gar nicht nötig, auf entsprechende Ausfälle einzelner Mitglieder oder Sympathisanten zurückzugreifen. Es reicht schon, das Wahlprogramm aufmerksam zu lesen. Hier geht es vor allem darum, wieder zurück zum starken Nationalstaat zu kommen. An erster Stelle steht ein “Europa souveräner Staaten”, natürlich mit eigenen Währungen. “Gesetzgebungskompetenzen zurück zu den nationalen Parlamenten” wird verlangt, mehr “mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung” zwischen den europäischen Ländern.

Das ist letztlich ein knallharter nationalistischer Kurs, der zwischen einigen beschwichtigenden Formulierungen versteckt wird, um nicht gleich unangenehm aufzufallen. Es kann lediglich ein Lippenbekenntnis sein, wenn man trotzdem von einem europäischen Binnenmarkt spricht. Wie soll das denn funktionieren, wenn jedes Land mit seiner eigenen Währung sein eigenes Süppchen kocht? Das würde im Endeffekt nicht anders aussehen, wie das alte Deutsche Reich, das dem Namen nach zwar irgendwie etwas zusammenhängendes war, zwischen jedem Popelstaat aber Zollschranken standen und alle sich an die Gurgel gingen. Diese halbherzigen Beschönigungen sind typisch für Gruppen der Neuen Rechten, wie wir es schon von den Pro-Gruppen und der “Freiheit” kennen.

Die AfD ist nicht “eurokritisch”
Die Afd ist genau genommen europafeindlich. Es geht um nationalistische Abschottung. Kritik bedeutet aber nicht Ablehnung, sondern Aufzeigen von Missständen, damit es besser wird. Das ist durchaus notwendig, denn die EU ist alles andere als optimal organisiert. Die Lösung für die bestehenden Probleme liegt bei der AfD aber darin, den europäischen Einigungsprozess zu stoppen bzw. umzukehren. Aus einer solchen Haltung heraus erwächst aber keine Kritik, sondern Destruktivität. Das wäre ungefähr so, als würde ich aus meiner Kritik am Sozialsystem folgern, dass das Sozialsystem abgeschafft gehört.

Die AfD ist menschenverachtend
Das zeigt sich natürlich am besten am Kapitel zur Integrationspolitik. “Deutschland braucht qualifizierte und integrationswillige Zuwanderung”, heißt es da. Das Denken hinter einer solchen Formulierung bemisst Menschen schlicht nach ihrem ökonomischen Wert. Das setzt sich dann in dem spärlichen Teil fort, der vielleicht als Sozial-Teil des Programms bezeichnet werden könnte: “Deutschland hat zu wenig Kinder. Renten- und Krankenversicherung stehen deshalb auf tönernen Füßen.” Es sollen also mehr Kinder her, damit diese der Gesellschaft nach Vorstellung der AfD dienlich sind. Eine solche Basis für Familienpolitik hatten wir vor einigen Jahrzehnten schon einmal. Man braucht entsprechend nicht darauf einzugehen, dass Familie für die AfD natürlich heterosexuell und weiß ist, so wird es im Wahlwerbespot ja explizit gezeigt.

Im Wahlprogramm findet sich natürlich auch der fast schon zu erwartende Satz: “Eine ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden.” Das ist beste Stammtisch-Parolenklopperei aus dem rechten Lager. Denn eine solche Zuwanderung wird von Rassisten zwar immer wieder unterstellt, sie findet aber überhaupt nicht statt. Selbst die vielbeschworenen Einwanderer aus Südost-Europa haben im Schnitt einen höheren Bildungsstand als die deutsche Bevölkerung. Hier geht es also um nichts anderes, als rassistische Stimmungsmache.

Die AfD ist nicht besonders demokratisch
Im Programm wird zwar vieles gefordert, aber das hält nichtmal einer einfachen Prüfung in der Praxis stand. Das schlichte Wahlprogramm, das im Grunde nichts außer Parolen enthält, wurde von einigen Parteioberen geschrieben und dann abgesegnet. Da hatten ja selbst die Piraten in ihrer Anfangszeit mehr Mumm, als sie halt mit dem Wenigen auftraten, was bis dahin ordentlich von den Mitgliedern erarbeitet werden konnte. Und Notfalls hieß es dann halt: Dazu haben wir uns noch keine Meinung gebildet (was sich inzwischen ja wesentlich geändert hat). So viel dann übrigens auch zum AfD-Slogan “Mut zur Wahrheit”. Nicht mal hier ist die Truppe mutig genug, dann eben nur mit ihrem einen Kernthema loszulaufen – so blöd dieses auch sein mag. Statt dessen werden total mutig einige Zoten umhergeschriehen, die ohnehin in jeder zweiten Kneipe kurz vor Ausschankschluss zu hören sind.

Fazit: Die AfD ist keine Alternative
Oder zumindest eine denkbar schlechte, selbst wenn, oder gerade wenn, man für dieses Land hier etwas Gutes will. Die Wirtschaft in Deutschland ist seit dem letzten Krieg auf billige Massenproduktion ausgelegt (auch wenn man das nicht gern hört). Das ist die Grundlage für den Titel Exportweltmeister. Man benötigt nun wahrlich kein sonderlich umfassendes Wissen über Ökonomie, um zu erahnen, was eine eigene starke Währung, durch die die Produkte aus Deutschland entsprechend teurer würden, an Folgen nach sich zöge. Ganz davon abgesehen, wenn die zugegeben schwieriger werdenden Absatzmärkte des Euro-Raums plötzlich wegfielen.

Aber das ist für mich nur ein Randaspekt. Ich definiere mich aber auch in erster Linie als Mensch und nicht als Deutscher. Ich finde es wunderbar, wenn Europa weiter zusammenwächst und die Grenzen fallen. Noch wunderbarer fände ich es, wenn das über Europa hinaus geht. Denn diese Welt steht vor Herausforderungen und Fortschritten, die nur von der ganzen Menschheit gemeistert werden können – oder glaubt ernsthaft irgendwer, dass “wir” auch nur ansatzweise in der Lage sein werden, mit unseren Ressourcen und einer D-Mark in der Hand einen Mars-Außenposten zu bauen – oder etwas Vergleichbares zu tun? Na also!

PS:
Die AfD wird ja manchmal als Professoren-Partei bezeichnet. Was für ein Treppenwitz, wenn man sich mal anschaut, wie ihre Anhänger sich so im Netz zu Äußern in der Lage sind. ;)

 

Der letzte Tag war in meiner Wahrnehmung durch zwei Ereignisse geprägt, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Einerseits bewegte sich der seit Wochen andauernde Überwachungs-Skandal auf seinen nächsten Höhepunkt, während die ganze Geschichte von der Mehrheit weiterhin zu einem großen Teil schlicht ignoriert wird. Zum anderen spitzte sich die Situation in Mahrzahn-Hellersdorf zu und der Bezug eines neuen Flüchtlingsheimes sorgte für offene rassistische Ausbrüche unter einem Teil der im Umkreis wohnenden Bevölkerung. Beide Ereignisse betreffen mich mehr oder weniger direkt.

In der Überwachungs-Geschichte nicht nur dahingehend, dass die Geheimdienste der westlichen Staaten flächendeckend mein Kommunikationsverhalten überwachen. Es wird von ihren Datenzentren nachverfolgt und analysiert, mit wem ich telefoniere, welche Webseiten ich besuche, was ich in sozialen Netzwerken schreibe und wohin ich gehe (was anhand der Spuren, die mein Mobiltelefon hinterlässt ein Leichtes ist).

Doch nicht nur das. Inzwischen werden nicht nur jene unter Druck gesetzt und verfolgt, die in ihrer Arbeit als Geheimnisträger dafür sorgten, dass dies in der Öffentlichkeit bekannt wurde – wie aktuell der ehemalige Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, Edward Snowden. Der Partner des Guardian-Journalisten, der die Dokumente als erstes bearbeitete, wurde in London auf dem Flughafen neun Stunden festgehalten und vernommen. Rechner und Mobiltelefon beschlagnahmt. Und dies unter Berufung auf die Anti-Terror-Gesetzgebung. Wer also über die ausufernden Aktivitäten der Geheimdienste berichtet, wird zumindest als Unterstützer von Terroristen eingestuft.

Doch damit nicht genug. Der Chefredakteur des Guardian berichtete nun, dass Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes auch in der Redaktion der Zeitung auftauchten und dafür sorgten, dass die Festplatten, auf denen entsprechende Dokumente gespeichert sind, zerstört wurden. Das ist ein direkter Angriff auf die Pressefreiheit und geschah nicht in einem Land, das zu den üblichen Verdächtigen zählt. Sondern hier, in der Europäischen Union.

Nicht, dass ich mich auf eine Stufe mit den jetzt Betroffenen stellen wollte. Aber auch in meiner Tätigkeit gehört die Berichterstattung zu diesem Komplex zu den Kernthemen. Ich muss mich also früher oder später wohl auch darauf einstellen, mit dem gleichen Problem konfrontiert zu werden – denn solche Entwicklungen neigen nicht dazu, an einer bestimmten Eskalationsstufe stehenzubleiben, sondern immer weiter auszuufern, wenn sie nicht frühzeitig eingedämmt werden.

Und hier sind wir bei den bisherigen Reaktionen. Was die gesellschaftliche Dimension angeht, blieben diese bisher nahezu komplett aus. Sicher, die Sache ist komplex und schwer zu fassen, aber die Fakten liegen auf dem Tisch: Die Überwachung geschieht flächendeckend. Jede Relativierung und Leugnung dessen seitens der Regierenden ist immer wieder wie ein Kartenhaus zusammengebrochen – im Tages-Takt.

Und an dieser Stelle möchte ich den vielleicht etwas gewagten Schwenk zum oben erwähnten Flüchtlingsheim machen, denn dieser macht mir in dem Zusammenhang wirklich Angst. Hier wurde sehr direkt deutlich, wie stark der Rassismus und andere Formen der Diskriminierung noch in der Mehrheitsgesellschaft verankert sind. Das war nach Lichtenhagen, Hoyerswerda und Mölln nicht vorbei und beschränkt sich nicht auf wenige durchgeknallte NSU-Nazis. Vielleicht ist es blöderweise ja sogar hilfreich, dass wir Menschen, die sich tiefer mit dem Problem befassen, nicht nur mit dem nicht ganz so einfach zu fassenden Rassismus der Herren Sarazin und Buschkowsky zu tun haben, sondern sich das Gespenst wieder einmal so offen zeigt.

Der Schoß ist fruchtbar noch, wie es so schön heißt. Und jene Menschen, die angesichts der Überwachung sagen, dass sie ja nichts zu verbergen hätten, sagen damit zumindest indirekt auch, dass sie den Kopf einziehen werden, wenn es nötig ist, Widerstand zu leisten. Wenn die Schreihälse von der anderen Straßenseite des Flüchtlingsheimes wieder direkter in Richtung Macht streben, als es ihnen heute noch möglich ist. Ein solcher Weg ist für den direkt in dieser Zeit Lebenden in der Regel schleichend. Aber spätestens dann wird die Datenmaschine ihre schlimmste Wirkung entfalten. Und was meine persönliche Betroffenheit angeht: Ich engagiere mich schon lange antifaschistisch und in verwandten Zusammenhängen und gehöre damit zum potenziellen Ziel.

Also wenn ihr nochmal auf die Idee kommt, das wäre alles nicht so dramatisch und es ginge ja eigentlich nur gegen Terroristen und einige besorgte Bürgersleut würden nur ihre Pein kundtun. Vergesst es. Es geht um nichts weniger, als die Welt, in der wir in den nächsten Jahren zu leben gedenken.

(Anmerkungen: Mir geht es nicht einfach um meinen Hintern, das ist nur ein Stilmittel, falls da jemand runknotteln will. Außerdem nur den einen Guardian-Post verlinkt, der Rest steht eh grad überall…)

 

IM Friedrich ist wieder aktiv. Unser Innenminister will mit Videoüberwachung dafür sorgen, dass Selbstmordattentäter nach ihrer Tat geschnappt werden und kein zweites Mal zuschlagen können. Und bekanntermaßen werden Anschläge auch immer im Sichtbereich von Kameras geplant und können daher super erkannt werden. Das erklärt der IM Friedrich zumindest im Interview mit dem ‘Spiegel’:

Friedrich: Einen Selbstmordattentäter, der seinen eigenen Tod bei der Planung der Tat einkalkuliert, werden auch Videokameras nicht abschrecken.

SPIEGEL ONLINE: Also sind die Kameras gegen Terror unwirksam?

Friedrich: Das wäre ein falscher Schluss. Wenn wir zum Beispiel den Täter nach dem ersten Mal verhaften, kann er kein zweites oder drittes Mal zuschlagen. Allein das ist schon ein Erfolg. Zudem können wir Planungen für Anschläge durch Kameras im Vorfeld aufklären. Ich bleibe dabei: Die Videoüberwachung, wohlgemerkt als Teil einer komplexen Sicherheitsstrategie, ist ein wichtiges Mittel für uns.

Also ich finde es ja immer wieder beruhigend, dass wir von solch klar denkenden Leuten regiert werden. Die sind vermutlich dafür verantwortlich, dass hier bisher nichts passiert ist.

 

Puh. Diese Woche und insbesondere dieser Tag waren echt heftig. Diese Sache mit dem Leistungsschutzrecht und der Bestandsdaten-Auskunft. Nach all der Euphorie mit ACTA und dem Höhenflug der Piraten bin ich als Netzkind von dieser Gesellschaft klassisch geerdet worden – geerdet in dem Sinne: Ein großer Klumpen Dreck direkt in die Fresse.

Ich bin aber weder ein Mimimi-Mensch, der sich resigniert in die Ecke setzen würde, noch jemand, der in einer solchen Situation voller Wut tonnenweise Erbrochenes in irgendwelche Kanäle kippt. Also habe ich mich zum Feierabend erstmal mit anderen Sachen beschäftigt. Umzugsvorbereitungen waren zu beenden und der Welpe zu bespaßen. Die Laune besserte sich aber nichtmal nach dem Essen (ich werde hungrig immer zerknautscht). Aber immerhin half das, um Raum zum Nachdenken zu bekommen.

Denn es war absehbar, was passieren kann. Und es ist passiert. Also habe wohl auch ich irgendwo einen Fehler gemacht, der dazu beigetragen hat. Aufregen und weitermachen wie bisher ist da keine gute Idee. Es müssen also Schlüsse gezogen werden. Einige Ideen hat Sascha Lobo ganz gut auf den Punkt gebracht. Andere berühren in diesem Fall mein berufliches Selbstverständnis. Continue reading »

 

Die dem rechtspopulistischen Spektrum zuzurechnende Band Frei.Wild wurde für den Echo nominiert. Ich hab gerade mal eine Anfrage an die Presse-Abteilung des Bundesverbandes Musikindustrie geschrieben, um zu erfahren, warum das so ist:

Hallo Herr Leisdon,

mit Verwunderung habe ich die Nominierung der Band “Frei.Wild” zum diesjährigen Echo registriert. Diese steht seitens zahlreicher ausgewiesener Experten in der Kritik, mindestens dem rechtspopulistischen Spektrum zugerechnet werden zu müssen. Wegen zahlreicher Proteste von Musik-Fans, Partnern und Sponsoren wurde bereits der Auftritt auf dem Festival “With Full Force” abgesagt. Mit welcher Intention begründet denn nun der Bundesverband Musikindustrie, dieser Band ein so großes Forum bieten zu wollen, wie es mit einer Echo-Nomienierung verbunden ist? Zählen nur Verkaufszahlen und Aspekte wie eine weltoffene kulturelle Verständigung nicht? Und aus welchem Grund erfolgt die Nominierung in der Kategorie “Rock / Alternative National”? Immerhin stammt die Band doch aus Südtirol, was bekanntlich zu Italien gehört…zumindest nach heute anerkanntem Völkerrecht.

Über eine Stellungnahme würde ich mich freuen.

Beste Grüße,
Christian Kahle

Ich halte euch hier über das Weitere auf dem Laufenden.

Update, 6. März – 23.00 Uhr:
Inzwischen kaum Antwort von Andreas Leisdon, dem Sprecher des Bundesverbandes Musikindustrie. Der erste Teil besteht aus einer Stellungnahme des Verbandes an sich zu der Nominierung:

Wir sind uns der aktuellen heftigen Diskussionen und der emotionalen Reaktionen bewusst. Wir haben den Fall lange und intensiv diskutiert, befinden uns aber in einem laufenden Bewertungsprozess, der sich an existierenden Regularien orientieren muss. Bewertungsgrundlage der Nominierungen sind die Platzierungen in den media control Charts. Die aktuellen und seit Jahren praktizierten Regularien des ECHO sehen keinerlei Ausschluss von Bands vor, die sich über Charts-Platzierungen qualifizieren können.

Da im Fall von Frei.Wild keine offensichtlichen Gründe für einen Ausschluss von den Charts vorliegen, zum Beispiel eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, findet auch die Qualifizierung entsprechend den ECHO-Regularien statt. Frei.Wild ist folglich in der Nominiertenliste des ECHO vertreten, weil sie im letzten Jahr eines der verkaufsstärksten Alben in der Kategorie Rock/Alternative National veröffentlicht haben.

Ich bewerte das im Wesentlichen erstmal als Krisen-PR, die Glauben machen soll, dass die Verantwortlichen tagelang mit gerunzelter Stirn in ihren Büros saßen und darüber grübelten und diskutierten, wie sie nun damit umgehen sollen, dass eine solche Band Verkaufserfolge feiert. Ich habe da ja so meine Zweifel.

Man könnte das Ganze auch anders formulieren: “Bei den Nominierungen geht es uns nur darum, wer die meisten Platten verkauft. Wir haben zwar ein bisschen Sorge, dass die öffentliche Debatte unsere tolle Glitzer-Veranstaltung zerkratzen könnte, aber wir können nicht aus unserer Haut, solange uns keine andere Institution Grenzen setzt. Denn Haltung kennen wir nicht, nur Umsatz.”

Herr Leisdon hat außerdem noch eine Erklärung für die Einordnung der Band in die fragliche Kategorie mitgeschickt:

Die Zuordnung in die Kategorie National ergibt sich dadurch, dass die hierfür erforderlichen Kriterien erfüllt sind – es liegen deutsche Pässe von Bandmitgliedern vor, es wird in Deutschland aufgenommen und in diesem Fall auch Deutsch gesungen.

Das ist auf ganz anderen Ebenen interessant, als dass man den Echo-Veranstaltern hier mit Empörung begegnen sollte. Ich wünsche euch viel Spaß bei vielfältigen Interpretationen. :)

Update, 7. März – 20.30 Uhr:
Der Veranstalter hat die Nominierung von Frei.Wild heute zurückgezogen. Außerdem will man auch unter dem Eindruck dieses Vorfalls die Regularien für eine Nominierung überarbeiten.

 

An dieser Stelle noch ein Nachschlag zu den Wahlen in Niedersachsen, den ich schon einige Zeit vor mir her schiebe: Die Beteiligung der Grünen an der neunen Landesregierung hat gleich mal dafür gesorgt, dass ein Stück früher wissenschaftlicher Ausbildung in die Tonne getreten wird. Mal wieder setzen sich jene durch, die ihre Ansichten zu Ökologie und Umweltschutz aus einer wertkonservativen, fortschrittsfeindlichen Ideologie beziehen.

Konkret geht es darum, dass das Projekt HannoverGEN eingestellt wird. Dabei handelte es sich um ein Modellprojekt, dass moderne Laborausrüstung für Schüler zugänglich machte und ihnen die Möglichkeit gab, biotechnische Experimente selbst in der Praxis durchzuführen. Es war hoch angesehen und erhielt auch eine Auszeichnung im Bundeswettbewerb “Land der Ideen”.

In Niedersachsen herrscht jetzt aber “Nulltoleranz für Gentechnik”. Im konkreten Fall wurde unter anderem von Greenpeace und anderen Stimmgsmache betrieben, wonach hier skrupellose Wissenschaftler Kinder durch Indoktrination zu Gentechnik-Fans machen. Von differenzierter Betrachtung keine Spur.

Damit setzt sich einmal mehr ein Trend fort, Wissenschaftfeindlichkeit tiefer in der Bevölkerung zu verankern. Statt Aufklärung erfolgt Panikmache. Erneut wird ausgenutzt, dass Forschung in Bereichen, sie sich nicht auf den ersten Blick erschließen, durchaus leicht geeignet ist, um Ängste zu schüren. So etwas führt im harmloseren Fall dazu, dass Menschen vor Gericht versuchen, Experimente am Teilchenbeschleuniger LHC zu unterbinden (es könnte ja ein erdverschlingendes schwarzes Loch entstehen), oder Honig, in dem Pollen von Gentech-Versuchsfeldern landet, für hochgiftig halten.

Ernst wird es, wenn entsprechende Forschungsrichtungen das Land verlassen und Know-How damit verlorengeht. Das ist bereits mehrfach geschehen. Nicht weniger problematisch ist es, dass Forschung im Bereich der Biotechnologie aus der öffentlichen Forschung, die sehr transparent und verantwortungsvoll ist, verschwindet und dann nur noch hinter den Werkstoren multinationaler Konzerne stattfindet, wo es nicht mehr um die Interessen der Allgemeinheit, sondern um Profite geht. Aber dort wird die ganze Wissenschaft zu diesem Thema von den entsprechenden Kreisen ja ohnehin vermutet – also warum nicht Fakten schaffen?

Hier werden schlicht wichtige Chancen für die Zukunft verbaut. Denn Gentechnik sind nicht nur Mäuse mit Menschen-Ohren auf dem Rücken. Viele Produkte in Bio-Läden sind bereits das Produkt biotechnischer Entwicklungen aus der Frühzeit, als wirklich noch unkontrollierbar mit Holzhammer-Methoden gearbeitet wurde. Und ohne Gentechnologie gäbe es keine DNA-Tests bei der Aufklärung von Verbrechen, keine Vaterschaftstest und auch viele wichtige Medikamente nicht. Ach und für die Lebensmittel-Puristen: Ohne Gentech hätte auch nie jemand rausgefunden, dass Pferdefleisch in der Lasagne ist.

Mehr auch bei: Gute Gene, schlechte Gene

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